Zeit für andere Zeiten – Schule, Unterricht und Schülerbeförderung in Corona-Zeiten und danach

Blogbeitrag unseres Beigenordneten

Seit dem 6. November 2019 darf ich Verkehrsdezernent der Stadt Landau sein. Keine Aufgabe hat mich bisher so begeistert, keine hat mir so viel bedeutet. Immer mal wieder schreibe ich auf, was mich beschäftigt. Die Frage der Unterrichtszeiten und Schülerbeförderung ist so ein Thema.

Zusammenfassung

Schulbusse sind deshalb so voll, weil wir versuchen alle Schülerinnen und Schüler zur gleichen Zeit zu transportieren. Die begrenzte Anzahl an Bussen und Busfahrenden erschwert die Situation in Corona-Zeiten, bei der eine Erkrankung einer Person in einem überfüllten Bus schnell zu einem großen Problem werden kann.

Deshalb schlage ich weitergehende Maßnahmen vor, für die sowohl Schlafforschung wie auch Verkehrsanalysen sprechen. Klassenstufen von der 8. bis zur 13. sollen erst zur dritten Stunde beginnen. Außerdem könnte der Schulanfang für alle Schülerinnen und Schüler um 15 Minuten nach hinten verlegt werden, um Verspätungen zu beenden und Rad- sowie Fußverkehr sicherer zu machen.

Schulen in der Corona-Zeit

Jeder von uns kennt abfälliges Gerede über Lehrerinnen und Lehrer: viel frei, viel Urlaub, sicherer Job. Wenn die Pandemie manches Gute bewirkt hat, dann, dass viele Menschen mit Kindern heute die Arbeit von Lehrkräften ganz anders bewerten als noch vor einem Jahr.

Aus meiner Sicht war nach dem Lockdown – also letztlich fast dem vollständigen Ausfall von Unterrichtszeit, die kaum jemals nachgeholt werden kann – die Zeit der A- und B-Wechselklassen ähnlich schwierig. Präsenzunterricht ist das Wertvollste, was Schule anzubieten hat, auch wenn sich bei Digitalisierung und Wochenarbeitsplänen viel getan hat und noch tun wird. Aber auch für die Familien, die die Betreuung ihrer Zuhause bleibenden Kinder bewältigen mussten, war das schwierig. Deshalb muss es unser oberstes Ziel sein, dass Unterricht in der Schule trotz Krise und Pandemie sichergestellt werden kann.

In Landau fiel aufgrund eines Corona-Falls in einer Schule schnell eine große Anzahl an Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern aus. Die Vorstellung, was ein Fall in einem überfüllten Schulbus bewirken kann, macht mir deshalb Sorgen.

Es gibt nicht unendlich viele Busse

Um einen mit Blick auf den Infektionsschutz guten Schülertransport sicherzustellen, braucht es für die zirka 4500 betroffenen Schülerinnen und Schüler das drei- bis vierfache der aktuell eingesetzten Busse. Wir haben alleine über 30 Fahrten identifiziert, in denen es aus unserer Sicht dringenden Handlungsbedarf gibt.

Nun sind Schulbusse nicht erst seit Corona zu voll. Doch mit Blick auf einen Virus, das sich gerade in engen, geschlossenen Räumen schnell verbreiten kann, sind 100 und mehr Schülerinnen und Schüler in einem einzigen Schulbus nicht akzeptabel. Da hilft auch keine Ausnahmebestimmung vom Mindestabstand durch das Land Rheinland-Pfalz.

Aber da es weder in der Pfalz noch im Land noch im Bund noch in Europa groß anders aussehen wird, was die Verfügbarkeit der Busse und Busfahrenden angeht, ist eine flächendeckende Vervielfachung keine Option. Trotzdem werden wir jetzt versuchen, zu kriegen, was wir kriegen können, um zumindest die schwierigsten Linien zu entschärfen. Der Stadtrat hat hierfür am 1. September 500.000 Euro für bis zu 15 Busse genehmigt. Doch das wird und kann nicht ausreichen.

Schulzeiten verändern

Mein Vorschlag fußt neben der Überzeugung, dass nichts schwerwiegender für Familien und Kinder ist, als ausfallender Unterricht, auf zwei Überlegungen: Verkehrsanalysen und Schlafforschung.

Bei ersterer wissen wir, dass unsere Straßen und der ÖPNV problemlos in der Lage wären, die existierenden Verkehre aufzunehmen – wenn die Stoßzeiten entzerrt würden. Zwischen 7:15 und 7:45 Uhr ist am Meisten los auf unseren Straßen – und kurz danach gibt es keinerlei Problem mehr. Hier können auch schon kleinere Verschiebungen helfen.

Und andererseits gibt es vielfach Befunde aus der Schlafforschung und Chronobiologie, die das frühe Wecken von jugendlichen Schülerinnen und Schülern für einen Fehler halten, weil sie später müde werden als Kinder und Erwachsene. So bekommen sie nicht genug Schlaf, worunter Gesundheit und Leistung leiden.

Vorschlag

Deshalb schlage ich vor, die ersten beiden Stunden der Klassenstufen 8 und höher auf einen Nachmittag zu verlegen und den Schulbeginn auf 8:15 Uhr zu verschieben. Ersteres würde die Busse zu einem Drittel und mehr entlasten. Letzteres verhindert ständige Unpünktlichkeit und holt den Großteil des Rad- und Fußverkehrs raus aus der Stoßzeit, was die Verkehrssicherheit fördert.

Viele große und kleine Herausforderungen

Die Umsetzung dieses Vorschlages ist alles andere als einfach. Lehrerinnen und Lehrer haben sich nach Schulbeginn mit ihren eigenen Familien und Kindern auf ihre Arbeitszeiten eingestellt. Falls es nötig wäre, an einem Tag eine 12. und 13. Stunde zu halten, weil es in einem Einzelfall anders überhaupt nicht ginge, wären Schülerinnen und Schüler im Winterhalbjahr bis Sonnenuntergang in der Schule und Lehrende, die am selben Tag schon Dienst in der ersten Stunde hätten, würden gegen Arbeitsschutzbedingungen verstoßen. Sporthallenbelegungen, Mittagsverpflegung, Aufenthaltszeit in den Schulgebäuden vor Schulbeginn, Reinigungspläne, Hausmeisterzeiten – die Liste an großen und kleinen Herausforderungen ist lang.

Zeitenwechsel zur Unzeit

Und dann muss ich ehrlich festhalten: Wir diskutieren diesen Vorschlag zur Unzeit. Stundenpläne sind gemacht, Leben organisiert, Schule läuft. Es löst auch kein Problem zu sagen, dass ich das schon vor Monaten sagte und vorschlug. Genauso könnte man sagen, dass ich im Juni energischer hätte darauf dringen oder eine Abstimmung hätte erzwingen müssen, das Thema anzugehen – wo ich eines nicht ganz ignorieren kann: Hätten wir im Juni den Druck der Lage ausreichend gespürt, um so eine Veränderung anzustoßen? Und tun wir es jetzt?

Gestärkt aus der Krise hervorgehen

Die Corona-Krise verschärft bestehende Probleme und beschleunigt Prozesse. Ja, sie bedroht auch Leib und Leben, ebenso wie sie unsere Wirtschaft schadet und auch soziale Verwerfungen hervorgerufen hat, über die noch zu wenig gesprochen wird.

Aber sie ist auch eine Gelegenheit, gestärkt aus ihr hervorzugehen. Beim Schülertransport, Schulzeiten und dem Schlaf junger Menschen, für Verkehrssicherheit und Infektionsschutz. Darüber möchte ich ins Gespräch kommen – bei vollem Bewusstsein, wie schwer es wäre. Aber mit der Überzeugung, dass wir Manches besser machen können.

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