Neue Ideen wagen: Zur Zukunft der Landauer Innenstadt

Die Coronapandemie stellt nicht zuletzt für unsere Innenstadt und deren Akteure eine in diesem Ausmaß noch nicht da gewesene Herausforderung dar. Nichts ist mehr, wie es war und vieles muss neu gedacht werden.

Aus diesem Grund hatte die Stadt Landau am 22. April auf Initiative von GRÜNEN, CDU und FDP zahlreiche Expert*innen aus verschiedenen Bereichen zu einer öffentlichen Anhörung eingeladen, um Ideen und Vorschläge zur Belebung und Transformation der Innenstadt auszutauschen.

Es zeigte sich: Die Mehrheit der teilnehmenden Experten waren sich einig, dass der innerstädtische Einzelhandel künftig eine weniger bedeutende Rolle spielen wird. Nur durch „Shopping“ allein wird keine Innenstadt zu einem Ort, an dem sich Menschen gerne aufhalten. Es braucht eine ganzheitliche Betrachtung, die neben Handel auch Gastronomie, Handwerk, Kultur und Wohnen mit einbezieht.

„Mehr Platz für Kommunikation, sichere verkehrsberuhigte Zonen mit hoher Aufenthaltsqualität sowie Grün- und Spielflächen können ein lebendiges und lebenswertes Zentrum schaffen, in dem man sich gerne trifft und von dem am Ende auch der Handel profitiert“, sagt Lea Saßnowski, Fraktionsvorsitzende der Landauer GRÜNEN.

Insbesondere im Bereich Mobilität sehen wir GRÜNE uns durch die Ausführungen der Expert*innen bestätigt. „Wer Innenstädte lebendig halten will, meint mit ‚Mobilität‘ mehr als ‚Auto und Parkplätze‘. Gut erreichbar mit allen Verkehrsmitteln, durchdachte Konzepte für Fuß- und Radverkehr im Zusammenspiel von Gastronomie und Handel – so kriegen wir es hin“, ergänzt Dr. Lea Heidbreder.

„Es ist an der Zeit, dass offen über eine Neuausrichtung der Innenstädte nachgedacht wird“, meint Sven Kaemper, Vorsitzender der Landauer GRÜNEN. „Nicht nur der Einzelhandel, auch kulturelle Einrichtungen und soziale Initiativen befinden sich aufgrund steigender Mieten schon seit Jahren in einem andauernden Existenzkampf. Der zusätzlichen Herausforderung durch die Pandemie sollten wir mit kreativen und nachhaltigen Ansätzen begegnen, beispielsweise durch eine unbürokratische Zwischen- oder Umnutzung von Leerständen.“

Einladung zur Diskussion

Um die Themen und Ideen der Anhörung zu vertiefen und konkrete Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, laden wir GRÜNEN am Freitag, 30. April um 17 Uhr zu einem digitalen „GRÜN diskutiert“ ein. Schwerpunkt bilden die Themen Gastronomie und Einzelhandel. Hierzu freuen wir uns über die Teilnahme von Vertreter*innen der Wirtschaftsjunioren Südpfalz. Interessierte können sich unter hallo@gruene-landau.de anmelden.

Es folgt unser ausführlicher Bericht der Anhörung am 22. April. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung wurde von der Stadt auf YouTube zur Verfügung gestellt, die Materialien der Vortragenden können auf der Website der Stadt heruntergeladen werden.


Pandemie beschleunigt negative Entwicklung

Gleich zu Beginn der Anhörung wies Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, auf die schwierige Situation vieler deutscher Innenstädte hin. Er rechne damit, dass in Folge der Coronapandemie bundesweit etwa 82.000 Einzelhändler schließen werden. Damit einher gehe ein Verlust von schätzungsweise 450 – 480.000 Arbeitsplätzen. Er betonte jedoch auch, dass durch die Pandemie eine Entwicklung lediglich beschleunigt wurde, die sich schon seit langem abgezeichnet hätte. Auf der einen Seite der wachsende Online-Handel, auf den viele Menschen – gerade auch in der Pandemie – nicht mehr verzichten möchten, auf der anderen Seite teils überzogene Renditeerwartungen der Immobilienbesitzer, die für die hohe Zahl innerstädtischer Leerstände mitverantwortlich seien. Eine mögliche Lösung sieht Landsberg im Ausbau der Online-Angebote des stationären Handels, verbunden mit einer Beteiligung der „Big Player“ wie Amazon, Ebay und Co an den Infrastrukturkosten vor Ort, beispielsweise in Form einer Paketversandsteuer.

Doch nicht nur im Einzelhandel zeichnen sich drastische Veränderungen ab. Auch viele Unternehmen senkten auf Grund der positiven Erfahrungen mit der Arbeit im Home Office ihre Büroflächenprognose, so dass auch in diesem Bereich mit deutlich weniger Flächenbedarf zu rechnen sei.

Landsberg zog daraus den Schluss, dass der Einzelhandel für die Innenstadt künftig nicht mehr die Bedeutung habe, wie in den vergangenen Jahrzehnten: „Die Kaufhäuser kommen nicht wieder.“ Dies biete die Chance für einen Umbau der City hin zu einem „Erlebnisraum“ mit Gastronomie, Handel, Kunst und Handwerk, aber auch für „mehr Grün und mehr Blau“, so Landsberg weiter. Wichtig sei ebenfalls, dass die Stadt Dies alles sei kein Prozess, der bereits in ein oder zwei Jahren abgeschlossen sein werde. Vielmehr brauche es einen Dialog, der mit allen Teilen der Stadtgesellschaft geführt werden müsse. Fest stehe nur: „Wer jetzt nicht handelt, wird später einen hohen Preis zahlen.“

Soziale Narben werden bleiben

Ähnlich wie Landsberg argumentierte Prof. Dr. Carsten Kühl vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu). Auch für ihn sind die durch Corona in Gang gesetzten Prozesse wie etwa die Digitalisierung unumkehrbar und führten zu steigenden Leerständen und einer sinkenden Aufenthaltsfrequenz in den Innenstädten. Er ist ebenso wie Landsberg dafür, die durch den Online-Handel entstandenen Wettbewerbsverzerrungen zu beseitigen, sieht in einer Paketversandsteuer jedoch wenig Lenkungswirkung. Kühl plädierte dafür, den Fokus weg von der Wertschöpfung und hin zu einer deutlichen Verbesserung der innerstädtischen Aufenthaltsqualität zu legen. Dafür müsse die Stadt Instrumente wie etwa das Vorkaufsrecht nutzen, um die kommunale Flächenverfügbarkeit zu verbessern.

Für Kühl ist es noch völlig unklar, welche „soziale Narben“ die Pandemie in den Städten hinterlassen werde. Er befürchtet Auswirkungen auf das Reise- und Pendlerverhalten, aber auch auf die Nutzung hochfrequentierter kommerzieller und kultureller Einrichtungen. Dennoch kommt er zu einem positiven Schluss: Die Vergangenheit habe gezeigt, dass Pandemien zwar „den Augenblick verwüsten“, aber keine Pandemie habe es bisher geschafft, die zentrale Rolle und Bedeutung der Stadt in der Gesellschaft zu überwinden.

Julian Reif vom Deutschen Institut für Tourismusforschung schilderte Situation und Bedeutung des Tourismus in Landau und erläuterte die Auswirkungen der Pandemie auf die Branche. Aktuell nehme er wahr, dass aufgrund der fehlenden Anlässe – Museen sind geschlossen, Konzerte abgesagt – weniger Städtereisen geplant würden. Auch sei künftig mit einer Veränderung der Ziele und Interessen im Rahmen von Städtereisen zu rechnen: Shopping, Märkte und Nightlife hätten schon jetzt enorm eingebüßt, Angebote im Freien wie etwa der Besuch von Parks oder Ausflüge ins Umland seien beliebt. Dies sollte man bei der Konzeption neuer touristischer Angebote berücksichtigen. Reif verwies zudem auf digitale Angebote im Bereich der „Besucherlenkung“ und nannte als Beispiele den „Ausflugsticker“ in Bayern und die „Strandampel“ in der Lübecker Bucht, über die sich Besucherinnen und Besucher über das Besucheraufkommen informieren können.

Weniger Ego, mehr Ratio

Dem Thema Innenstadtmobilität widmete sich anschließend Prof. Dr. Wilko Manz von der Technischen Universität Kaiserslautern. Gleich zu Beginn seines Vortrags weist er auf das zentrale Problem vieler Städte hin: Zu viel Autoverkehr mit all seinen negativen Auswirkungen, etwa auf Umwelt und Gesundheit. „Würde jemand heute den Otto- oder Dieselmotor entwickeln, würden alle mit dem Kopf schütteln“, so Manz.

Aber auch der Umstieg auf Elektromobilität löse nicht alle Probleme. So rechnet Manz die realen Kosten eines innerstädtischen PKW-Stellplatzes vor: Alle Kosten eingerechnet, müsse ein elf Quadratmeter großer Stellplatz in zentraler Lage etwa 900 Euro im Jahr kosten – Parkausweise für Anwohnerinnen und Anwohner seien in vielen deutschen Städten jedoch für gerade mal 30 Euro zu haben.

Manz entkräftet auch das Argument, dass ohne billiges Parken niemand die Innenstadt besuchen würde. Städte wie Zürich, Kopenhagen und Amsterdam zeigen, dass es auch anders gehe. So koste ein Tagesticket in der Innenstadt von Amsterdam rund 50 Euro am Tag, in den anderen Städten sei es vergleichbar. Dennoch zählen diese Städte zu den lebenswertesten Städten Europas und müssten sich über zu wenige Besucher*innen nicht beklagen. Selbstverständlich seinen diese Beispiele nicht 1:1 auf kleinere Städte wie Landau übertragbar und natürlich müsse das Auto nicht verboten werden – allerdings sollte man die Rahmenbedingungen ändern. Wer mit dem Auto bis in die Innenstadt fahren wolle, müsse auch einen angemessenen Preis dafür zahlen.

Als weiteres positives Beispiel nennt Manz die Stadt Freiburg im Breisgau: Dort betrage der Anteil des mobilen Individualverkehrs am sogenannten „Modal Split“ gerade einmal 21 Prozent (in Landau sind es aktuell 51 Prozent). Möglich geworden sei dies durch eine konsequente Verkehrspolitik zum Wohle der Innenstadt. Landau sei auf einem guten Weg und Manz beglückwünschte die Stadt zum hohen Anteil an Fuß- und Radverkehr. Auch andere Städte in Deutschland hätten sich ambitionierte Mobilitätsziele gesetzt; so will beispielsweise Bielefeld den Anteil des Autoverkehrs in der Innenstadt halbieren.

Ähnlich wie Landsberg kommt auch Manz zu dem Schluss, dass ein „Weiter so“ mit Sicherheit die schlechteste Lösung sei. Man solle „mutig sein, neue Ideen denken und wagen, auch mal einen Fehler machen.“

Draußen ist das neue Drinnen

Über die Möglichkeiten, die sich durch eine weniger KfZ-zentrierte Sicht für das urbane Leben bieten, berichtete anschließend Prof. Dr. Sabine Baumgart, Stadtplanerin und Präsidentin der Akademie für Raumforschung und Landesplanung. Sie verwies auf Nutzungskonflikte, die bei der Entwicklung der Innenstadt zu lösen sind: Einerseits gebe es für Wohnen, Handwerk und auch Produktionsstätten einen Trend zum „Zurück in die Stadt“, dem stehe jedoch der unvermehrbare Grund und Boden sowie die nach wie vor hohe Baulandnachfrage entgegen. Baumgart betonte die neuen Anforderungen, denen die Innenstadt durch Klimawandel und Klimaanpassung ausgesetzt ist. Nicht jeder wohne in einem Haus mit Garten oder Terrasse, viele Bürgerinnen und Bürger seien künftig noch mehr als heute auf multifunktionale Bewegungsräume außerhalb der eigenen vier Wände angewiesen: „Draußen ist das neue Drinnen.“ Ebenso wies sie auf Aspekte der Gesundheitsförderung hin. Auch diese gelte es bei der künftigen Neuausrichtung der Innenstadt zu berücksichtigen.

Konzepte für Gastronomie gefragt

Gereon Haumann, Präsident des DEHOGA Rheinland-Pfalz richtete den Blick auf das Gastgewerbe. Zweifelsohne fiele diesem in den Innenstädten zukünftig eine noch zentralere Rolle zu, insbesondere angesichts der schwindenden Bedeutung des Einzelhandels. Eine gut aufgestellte Gastronomie trage enorm zur Attraktivität einer Stadt bei, und zwar sowohl für die Besucherinnen und Besucher als auch für Bewohnerinnen und Bewohner. Angesichts der Corona-Pandemie forderte Haumann mittelfristig ein Moratorium für Abgaben sowie eine selbstbewusste Standortentwicklung und Konzepte für das Gastgewerbe. Landau sei in Sachen Stadtmarketing und Tourismus zwar gut aufgestellt, allerdings müsse man sich auch hier zukünftig noch stärker als bisher mit der Entwicklung der Gastronomie beschäftigen, um die Aufenthaltsqualität der Innenstadt zu erhalten und zu steigern.

Immobilieneigentümer sensibilisieren

Dem Thema „Zukunftsfähige Innenstädte“ widmete sich Jürgen Vogel von der Industrie- und Handelskammer Pfalz. Auch er betonte abermals, dass die Gründe für den Niedergang vieler Innenstädte bereits seit Jahrzehnten existieren und durch Corona lediglich verstärkt worden seien: Zunehmender Online-Handel, Einkaufszentren vor den Toren der Stadt, keine Konzepte bei den Kommunen. Hinzu komme auf Seiten von Einzelhandel und Unternehmern eine fehlende finanzielle Basis, mitunter aber auch eine fehlende Innovationsbereitschaft. Gleichzeitig würden Investoren und Immobilieneigentümer auf ihrer Rendite beharren.

Vogel bestätigte die Aussage seiner Vorredner, dass der Handel nicht mehr die „Leitbranche“ für die Innenstadt sei und forderte die Entwicklung einer gemeinsamen Innenstadt-Strategie mit allen relevanten Akteuren: Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik und Verwaltung. Ein besonderes Augenmerk müsse man dabei auf die Quartiersentwicklung legen und Immobilieneigentümer müssten für die Probleme der Stadtentwicklung sensibilisiert werden. Ein mögliches Instrument dazu seien sogenannte „Business Improvement Districts“ (BID): Grundstückseigentümer und Gewerbetreibende schließen sich zusammen, um in einem örtlich klar abgegrenzten Bereich für einen begrenzten Zeitraum Maßnahmen zur Revitalisierung zu ergreifen und gemeinsam zu finanzieren. Hierzu sei allerdings eine aktive Beratung sowie fachliche Begleitung erforderlich.

Vogel verwies in seinem Beitrag auch darauf, dass die Anbindung Landaus an den ÖPNV nach wie vor nicht optimal sei und dass die Erreichbarkeit der Innenstadt auch für den Autoverkehr sichergestellt werden müsse. Hier gelte es, einen Mittelweg zu finden.

Abschließend nahm Steffen Jost, Präsident des BTE Handelsverbandes Textil und Vorstandsmitglied des Handelsverbands Deutschlands Stellung zur aktuellen Situation des Handels. Der Geschäftsführer der Jakob Jost GmbH äußerte sich auch zur Entwicklung der Königstraße, in der das Unternehmen ein Modehaus betreibt. Durch die Umsetzung des Mobilitätskonzepts der Stadt würde seiner Ansicht nach der Autoverkehr voreilig aus der Straße verdrängt, er fürchte negative Auswirkungen der verkehrsberuhigenden Maßnahmen auf den Handel und bittet um Augenmaß bei der weiteren Umsetzung. Bevor weitere Maßnahmen zur Verdrängung des Autoverkehrs erfolgen, müsse zunächst für eine bessere Anbindung an den ÖPNV gesorgt werden. Zudem sprach sich Jost für die Suche nach Investoren für ein zusätzliches Parkhaus in der Innenstadt aus.


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